Radiusköpfchenfraktur: die osteopathische Behandlung Schritt für Schritt

Osteopathische Behandlung einer Radiusköpfchenfraktur
Inhalt

Torsten Liem, CEO der Osteopathie Schule Deutschland, ist nicht nur Experte auf diesem Gebiet, sondern gründete auch das Osteopathic Research Institute sowie eine osteopathische Lehrklinik und entwickelte die psychosomatische Osteopathie. Eine Radiusköpfchenfraktur behandelt er mit einem strukturellen, neurophysiologischen, funktionellen und ernährungstherapeutischen Behandlungsansatz. So sieht sein phasenadaptierter Behandlungsplan aus:

Akutphase (Tag 0–7)

In den ersten Tagen nach dem Unfall arbeitet Liem vor allem mit schonenden Übungen, die die verletzte Stelle nicht belasten. Er mobilisiert den Brustkorb der Patienten, um die Atmung zu unterstützen, und reguliert das Zwerchfell. Außerdem sorgt er für Balance im lumbosakralen und Beckensystem. Sein Ziel ist es, die Zirkulation der Durchblutung, der Muskeln und des Nervensystems zu fördern. Durch sanfte lymphatische und venöse Techniken hilft er dabei, Wassereinlagerungen abzubauen, und lockert verspannte Muskeln und Faszien frakturfern – insbesondere im Bereich der Lendenwirbelsäule, des Beckens und der Hüfte. Ab dem dritten Tag nach der Verletzung leitet der Osteopath Krafttraining an. Das hat allerdings nichts mit Bodybuilding zu tun. Der Bruch soll weiterhin vollständig entlastet bleiben. Liem trainiert mit seinen Patienten die Beine und die gegenüberliegende obere Extremität, um Entzündungsreaktionen und Muskelabbau zu reduzieren.

Reparaturphase (Woche 2–4)

In der frühen Reparaturphase setzt der Experte Maßnahmen ein, um den Körper zu regulieren und das Gewebe frakturfern zu organisieren. Er arbeitet mit General Osteopathic Treatment, sanften Lymphbehandlungen rund um die Fraktur sowie mit frakturfernen Strain/Counterstrain-, myofaszialen und ligamentären Ansätzen. So unterstützt er die Reduktion von Schwellungen, lindert Schmerzen und normalisiert Spannungen. Außerdem führt er ein Mapping involvierter Strukturen durch, um die funktionelle Reintegration vorzubereiten. Direkte Techniken am Bruch vermeidet er weiterhin.

Konsolidierungsphase (ab Woche 5–6, nach ärztlicher Freigabe)

In der Konsolidierungsphase kann die Behandlung schließlich Schritt für Schritt erweitert werden. Neben der frühfunktionellen Nachbehandlung setzt Liem nun auch lokale osteopathische Techniken an der Bruchstelle ein (siehe Nachbehandlung). Das ist nicht nur biomechanisch wichtig, sondern auch, weil das Periost sehr stark innerviert ist und eine mögliche Verminderung der Kartierung im sensomotorischen Homunculus sowie interozeptiv für die Stelle wiederhergestellt werden sollte. Zudem werden dosiert lokal myofasziale Ansätze, Balanced Ligamentous Tension und Strain/Counterstrain durchgeführt, um assoziierte Muskeln, Sehnen, Bänderdysfunktionen aufzulösen und ihre Kartierung sicherzustellen. Außerdem übt er gemeinsam mit den Patienten passive Wiederholungen der verletzungsbezogenen Bewegungen und steigert langsam das Krafttraining, um die Belastbarkeit, Funktion und Gewebeintegration wiederherzustellen.

Ernährungstherapeutische Unterstützung

Ergänzend rät Liem ab dem ersten Tag zu einer phasenadaptierten ernährungstherapeutischen Unterstützung mit einer Proteinzufuhr von mindestens 1,6–2,0 g pro Körpergewicht. Ab dem zweiten Tag kommt L-Lysin hinzu (anfangs 1 g zweimal täglich, in der Kallus- und Konsolidierungsphase 1,5 g zweimal täglich). Ab dem fünften Tag sollen täglich 1–2 g EPA+DHA Omega-3-Fettsäuren eingenommen werden.

Osteopathische Nachbehandlung

Doch auch die Osteopathie lässt Patienten mit langjährigen Schmerzen nicht im Stich. Torsten Liem empfiehlt einen systematischen Ansatz zur Behandlung chronischer Schmerzen nach Verletzungen. Er basiert darauf, zwischen peripheren und zentralen Schmerzprozessen zu unterscheiden und die funktionelle Integration aller assoziierten Körpersysteme sowie die Sinneswahrnehmung wiederherzustellen. Hierfür soll der Patient die ursprüngliche Verletzungsbewegung passiv wiederholen. Liem testet Wirbelsäulenabschnitte, die damit zusammenhängen, und behandelt sie bei Bedarf. Die periphere Sensibilisierung wird differenziert, Nozizeptoren deaktiviert und segmentale Inhibition getestet. Der Osteopath prüft außerdem eine mögliche zentrale Sensibilisierung. Bei Bedarf erfolgt eine gezielte Dekonditionierung des Schmerzgedächtnisses. Liem behandelt zudem myofasziale Triggerpunkte und korrigiert Gleichgewichtsprobleme. Auch der Knochen an der alten Frakturstelle wird lokal, gegebenenfalls global, getestet. Die Knochen-/Periost-Behandlung erfolgt unter anderem mittels Kompression, Dekompression, punktueller Resistenzarbeit und Seitenneigung. Anschließend wird alles im Rahmen der psychosomatischen Osteopathie über interozeptive Verfahren, kortikale Aktivierung und bilaterale Stimulation beispielsweise über Hirnnerven integriert.

Fazit

Ein Bruch ist erst dann wirklich geheilt, wenn auch die richtige Nachsorge stattgefunden hat. „Wenn der Bruch weiterhin unbehandelt bleibt, kann sich der Schmerz mit zunehmendem Alter verstärken und generalisieren“, warnt Torsten Liem.

Quelle: Hörl, Annalena: Radiusinaktiv – Bruch des Speichenkopfes ganzheitlich behandelt. Naturheilpraxis 03/2026, S. 12–16 (Richard Pflaum Verlag).

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